| Wind, 1999
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Ich berechne jede Variante des Windes und zeichne diese auf. Ich kümmere mich nicht so sehr um die grossen Winde, wie den Golfstrom oder die vorherrschenden Westwinde. Diese kann ich getrost der Wissenschaft der Meteorologen überlassen. Ich widme mich stattdessen einem nuancierteren Studium, dem lokalen Wind, den Boen, Windstoessen und Briesen. Ich notiere die Geschwindigkeit des scheinbar unbedeutenden Windes, seine Richtung, seine Lufttemperatur. Ich spüre seine Muster auf und notiere diese, mit rotem Stift, auf einem Globus. Spaeter übertrage ich sie in meine persoenliche Kartensammlung. Indem ich dies tat entdeckte ich, dass an einem bestimmten Ort bei einem gewissen See, nicht weit von meinem Wohnort, der springende Punkt einer seltenen Kreuzung zweier Windkoerper liegt, der eine geschwungen, der andere eckig. Sie treffen an diesem Ort aufeinander und verschieben sich gleichzeitig in einer schoenen, rückfliessenden Bewegung. Obwohl ich dem normalerweise nicht mehr und schon gar nicht mystische Bedeutung beimessen würde kann ich nur vermerken, dass Neugier mich veranlasste, diesen Ort zu besuchen, handelte es sich dabei um einen passend kurzen Spaziergang, und dass dieser Besuch zwei überraschende Faktoren hervorbrachte. Der erste war die unübliche Abwesenheit von Menschen in einer Gegend, die normalerweise von enthusiastischen Athleten nur so überrant wird. Der zweite war eine unübliche Anwesenheit, diejenige eines grossen, weissen Vogels. Moeglicherweise war der Vogel ein Storch. Ich gestehe, in der Wissenschaft der Vogelidentifikation nicht gegnügend bewandert zu sein. Gewiss, er war von bemerkenswerter Groesse, und weiss, und stand unbeweglich auf einem Felsen beim Wasser. Vielleicht sollte ich nicht sagen, dass er an sich still stand. In Wahrheit bewegte er sich. Er hatte gewaltige Flügel und mit diesen flatterte er unaufhoerlich, die Luft schlagend. Der Vogel stand gegen Südosten, mit dem See zu seiner Linken, und neigte sich leicht dem Wasser unter sich zu. Er schien sich meiner Anwesenheit nicht bewusst. Er hatte lange Beine und ich stellte mir vor, dass er unwahrscheinliche Krallen besitzen musste, um sich am blossen Felsen festzuklammern, der Kraft seiner grossartigen Flügel widerstehend, da er für sechsundfünfzig Minuten flatternd so dastand ohne davonzufliegen waehrend ich zuschaute. Moeglicherweise stand er auch laenger dort, aber ich kehrte nachhause zurück. All dies passierte vor einigen Wochen. Und immer noch laesst mich dieses Bild nicht los. Ich bin einwenig beunruhigt. Ich moechte nicht behaupten, mit den natuerlichen Verhaltensweisen von Voegeln vertraut zu sein, dennoch faellt mir dieses Flattern als ungewoehnlich auf. Natürlich ist dies nicht moeglich, aber das Geschoepf sah aus, als ob es eine Art Ritual vollziehen würde, ein Etwas erratend so wie es da zwischen den Winden balancierte, zwischen Luft und Land und Meer. Dies war kein muessiges Flattern, darauf bestehen ich. Es war beabsichtigt und selbstbewusst, dennoch aber auch laecherlich, wie unbeholfenes Tai Chi.
Tugend Es stellt sich die Frage, fühlte sich der Vogel durch ein instinktives Bewusstsein zu diesem Ort und seinen besonderen Windqualitaeten hingezogen, intuitiv auswaehlend an diesem Ort sein Flattern auszuführen? Oder war dieser flatternde Vogel die Quelle Dieses Windmusters, der Grund einer seltenen, rückfliessenden Stroemung zweier Winde? |